
Denis Kaiser
Denis Kaiser2
Einleitung
Betrachtet man Ellen White (1827–1915) als moderne Prophetin wirft dies natürlicherweise die Frage auf, in welchem Verhältnis ihre Schriften zur Bibel stehen. Wurden beide Schriftsammlungen von derselben göttlichen Quelle hervorgebracht, ist es legitim, danach zu fragen, inwieweit Ellen Whites Aussagen zu biblischen Texten autoritativ und endgültig sind. Siebenten-Tags-Adventisten gaben im Laufe ihrer Geschichte auf diese Frage verschiedene Antworten und diese stehen wiederum beispielhaft für die Kluft, die bis heute in der Kirche existiert. Die einen sehen in ihren Aussagen eine normative und endgültige Autorität bei der Bibelauslegung, die anderen stellen dieses Vorrecht völlig in Abrede. Wiederum andere versuchen einen Mittelweg zu finden. Die entscheidende Frage hierbei ist, welcher Ansatz Ellen White und ihrer göttlichen Inspiration gegenüber gerecht wird und mit ihr übereinstimmt.
Dieser Artikel untersucht, was für eine Rolle Adventisten von 1845 bis 1930 Ellen Whites Schrifttum bei der Bibelauslegung zugewiesen haben. Auch wenn Ellen White nachweislich eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des Verlagswesens, der Organisation der Kirche, von Gesundheitsinstitutionen, Bildungseinrichtungen, Missionsarbeit, Prinzipien des Lebensstils, Spiritualität und anderem spielte, beschränkt sich dieser Artikel besonders auf die Rolle und die Autorität, die Adventisten ihr in Bezug auf die Auslegung der Bibel zuschrieben.
Geistliche, nichtnormative Rolle (1845–1885)
Frühe sabbathaltende Adventisten glaubten an den göttlichen Ursprung und die Autorität von Ellen Whites Visionen und Schriften, aber sie unterschieden deren Funktion und Geltungsbereich von dem der Bibel. Sie glaubten, dass die Heilige Schrift durch alle Zeiten als „einzige Grundlage des Glaubens und des Handelns“3 maßgebend für alle Christen war. Ellen Whites Offenbarungen mussten jedoch anhand der Bibel geprüft werden (1 Ths 5,19–20) und leiteten daher ihre Autorität aus der Bibel ab. Als eine authentische Manifestation der modernen Gabe der Prophetie richteten sich ihre Visionen und Schriften nur an eine bestimmte Gruppe von Personen in der Endzeit (Offb 12,17; 19,10).4
In den späten 1840ern gelangten sabbathaltende Adventisten durch das Studium der Bibel zu neuen Erkenntnissen über das himmlische Heiligtum, den biblischen Sabbat, die dritte Engelsbotschaft, die Versiegelung und andere Themen. In dieser Phase konnte Ellen White die Argumente, die zu den einzelnen Themen diskutiert wurden, meistens nicht nachvollziehen.5 Trotzdem unterstützten ihre Visionen diesen Prozess in zweierlei Hinsicht. Erstens bestätigten sie die Erkenntnisse des Bibelstudiums und stärkten das Vertrauen der Gläubigen in die Führung Gottes. Zweitens führten ihre Visionen zu relevanten Bibelstellen hin, die bei dem Bibelstudium noch nicht berücksichtigt worden waren, und bewirkten dadurch Einheit unter denen, die am Bibelstudium beteiligt waren. Dies geschah insbesondere dann, wenn diese Personen widersprüchliche Ansichten vertraten und in eine Sackgasse geraten waren, da sie keine Argumente mehr aus der Schrift fanden.6
Die Anerkennung dieser göttlichen Führung und der Glaube an die maßgebende Rolle der Schrift waren jedoch nicht immer leicht aufrechtzuerhalten. Der Glaube an Ellen Whites göttliche Offenbarungen rief Kritik hervor und zog den Vorwurf auf sich, man würde sie anstelle der Bibel zur Richtschnur des Glaubens machen. Um solche Kritik und Vorurteile zu vermeiden, entschieden sich James White und andere Leiter in den frühen 1850ern, Ellen Whites Visionen nicht im Review and Herald zu veröffentlichen. Als ihnen bewusst wurde, dass sie dadurch jedoch die prophetische Gabe gehemmt hatten, bekräftigten sie ihr Vertrauen in ihre Visionen anlässlich einer Konferenz im November 1855. Sie hielten es für inkonsequent zu behaupten, diese Botschaften wären irrelevant und unverbindlich für diejenigen, die an ihren göttlichen Ursprung glaubten.7 Sie veröffentlichten anschließend Artikel über die prophetische Gabe sowie Material von Ellen White im Review and Herald,8 verwendeten ihre Schriften jedoch nicht, um ihre Bibelauslegung oder theologischen Überzeugungen zu untermauern.
Adventisten waren sich zudem darüber im Klaren, dass Ellen Whites Offenbarungen eher ein teilweises und kein umfassendes Verständnis der Wahrheit vermittelten. Die Frage nach der genauen Zeit des Sabbatbeginns ist hierfür ein treffendes Beispiel. Als im Jahr 1847 einige Personen über die exakte Zeit für den Sabbatanfang debattierten, hatte Ellen White eine Vision, die darauf hinwies, dass der Sabbat „vom Abend bis zum Abend“ (3 Mo 23,32) gehalten werden solle. Statt diesen Hinweis als Anregung zum Studium der biblischen Bedeutung des Begriffes „Abend“ zu sehen, setzte Joseph Bates (1792–1872) „Abend“ irrtümlich mit seiner Position gleich, dass der Sabbat um Punkt 18 Uhr beginnt, und alle anderen akzeptierten diese Auslegung. Sieben Jahre später regte James White ein Bibelstudium zu genau dieser Frage an, da sie mehr durch eine „Erfahrung“ als durch das Studium der Bibel beantwortet wurde. Bei der genannten Konferenz im November 1855 wies John N. Andrews (1829– 1883) nach, dass sich „Abend“ auf den Sonnenuntergang bezieht. Außer Joseph Bates und Ellen White, die Schwierigkeiten mit dieser Einsicht hatten, schlossen sich alle der neuen Sichtweise an. Einige Tage später hatte Ellen White eine Vision. Sie nutzte die Gelegenheit und fragte den Engel, wann der Sabbat beginne, worauf der Engel antwortete: „Nimm das Wort Gottes, lies es, verstehe und du wirst nicht irren. Lies aufmerksam und du wirst dort finden, was Abend ist und wann er beginnt.“ Da Andrews’ Studie die Frage hinreichend beantwortet hatte, war dieses Problem gelöst. Allerdings kam eine weitere Frage auf. Ellen White fragte sich, ob Gottes Zorn auf ihnen lag, da ihre Sabbatpraxis fast neun Jahre lang nicht ganz korrekt gewesen war. Der Engel erklärte, dass es Gott lediglich missfalle, wenn Menschen das offenbarte Licht bewusst ablehnten. Sie hatten die Botschaft so angenommen, wie sie sie verstanden hatten. Gott wartete auf eine passendere Gelegenheit, um ihnen durch die Bibel ein tieferes Verständnis zu vermitteln.9 Folglich gebrauchte Gott Ellen Whites Visionen nicht, um die Bibel zu ersetzen, sondern um Adventisten zur Bibel hinzuführen.
Von den späten 1850ern bis in die 1880er-Jahre verfasste Ellen White einige Bücherreihen und zahlreiche Artikel, die die biblische und christliche Geschichte kommentierten.10 Als die Sabbatschullektion in den frühen 1880ern das Leben Christi und die Apostelgeschichte behandelte, wurden darin unter anderem auch ihre Bücher Spirit of Prophecy, Band 2 und 3, und Sketches from the Life of Paul empfohlen.11 Bis dahin waren ihre Veröffentlichungen primär an Siebenten-Tags-Adventisten gerichtet. Dennoch gründeten adventistische Autoren ihre Bibelauslegungen und Lehransichten durchweg auf stichhaltige Bibeltexte. Gelegentlich nutzten sie andere Quellen, wie die von Historikern und anderen Theologen oder Zeitungsberichte, wenn diese adventistische Interpretationen bestätigten. Sie verzichteten darauf Ellen Whites Schriften zu verwenden, um ihre Ansichten zu belegen. Das war keineswegs ein Hinweis auf mangelndes Vertrauen in Whites prophetisches Wirken, sondern es war im Gegenteil Ausdruck ihrer tiefen Verpflichtung der Bibel gegenüber als einzige Grundlage des Glaubens und des Handelns.
Letzte, normative Autorität (1885–1903)
Einige der ersten Leiter der Gemeinde, die an der Entdeckung der adventistischen Glaubenslehren beteiligt waren, wie James White und John Andrews, starben in den frühen 1880er-Jahren. Die nachfolgende Generation von Pastoren und Leitern war der Ansicht, man könnte – oder sollte sogar in manchen Fällen – die Schriften von Ellen White verwenden, um die Richtigkeit einer bestimmten Interpretation zu untermauern. So setzte sich diese Art der Verwendung ihrer Schriften in Nordamerika bis zur zweiten Hälfte der 1890er-Jahre durch.
1886 konnten die Leser des Review and Herald einen Wandel beobachten, und zwar in den Artikeln eines bestimmten Autors. Anders als andere adventistische Autoren begann Dudley M. Canright (1840– 1919) häufiger aus Ellen Whites Schriften zu zitieren, um Fragen der Glaubenspraxis zu bekräftigen. Damit implizierte er, dass ihre Schriften der Bibel gleichgestellt waren.12 Kurz darauf verließ er die Gemeinde und beschuldigte Adventisten, Whites Schriften genau auf diese Weise zu verwenden – eine Behauptung, die Uriah Smith (1832–1903) vehement bestritt.13 Sowohl Smith als auch George I. Butler (1834–1918) hielten weiterhin daran fest, dass Ellen Whites Visionen nicht der Bibel gleichgestellt waren oder gar über ihr standen.14 Sie selbst schrieb in der Einführung zu ihrem Buch The Great Controversy between Christ and Satan, dass die Gaben des Geistes die Bibel nicht ersetzen, sondern der Bibel, welche der Maßstab für jede Lehre und Erfahrung ist, untertan sind.15 Die Diskussion zwischen Butler und Ellet J. Waggoner (1855–1916) über das Wesen des Gesetzes in Galater 316 verleitete Butler allerdings dazu, Ellen White um eine Aussage zu bitten, die seine Position unterstützte – eine Bitte, die sie ihm verweigerte.17 Jahre später wies sie auf eine ergänzende Sichtweise hin, die beide scheinbar gegensätzlichen Positionen miteinander verband und die Tiefe der Gedanken in diesem Bibeltext aufzeigte.18 In der Zwischenzeit, als sie Ellet J. Waggoner und Alonzo T. Jones (1850–1923) nach der Minneapolis-Konferenz von 1888 unterstützte, stellten sowohl Smith als auch Butler Ellen White infrage. Sie griffen angeblich unzuverlässige Aussagen aus ihren Schriften heraus, die im Widerspruch zu ihrer eigenen Wahrnehmung des Konflikts standen.19 Smith und Butler fielen gewissermaßen in Ungnade, als sie die Reformbemühungen der jüngeren Prediger ablehnten, die Ellen White gegenüber wiederum als loyal gesehen wurden.
Während Whites Aufenthalt in Australien von 1891 bis 1900 und Waggoners Missionsarbeit in England von 1892 bis 1903 wurde Jones vermutlich der „einflussreichste adventistische Prediger“ und Wortführer Ellen Whites in Nordamerika.20 Bei der Sitzung der Generalkonferenz von 1893 betonte er die Verbalinspiration und die absolute Klarheit inspirierter Schriften und behauptete, dass die Bedeutung der Heiligen Schrift eindeutig sei und keiner Interpretation bedürfe. Einen bestimmten biblischen Text erklären oder auslegen zu wollen, käme dem Versuch gleich, die Stellung Christi an sich zu reißen. Er sei der Autor der Heiligen Schrift und nur er allein könne ihre Bedeutung durch seinen Geist erklären. Für Jones war der „Geist der Weissagung“, das Zeugnis Jesu, „das Mittel, durch das Christus selbst das wahre Verständnis und die richtige Auslegung seines Wortes gibt“. Da Christus Unfehlbarkeit besitzt, ist auch seine Auslegung „unfehlbar“ und „absolut sicher“. Demnach wären Ellen Whites Schriften der endgültige, unfehlbare Ausleger der Schrift. Jones stellte die Heilige Schrift unter die Schriften Ellen Whites, als er schrieb: „Die richtige Verwendung der Zeugnisse ... [besteht darin], die Bibel durch sie zu studieren, sodass wir die Dinge, die in ihnen [den Zeugnissen] hervorgebracht werden, sehen und für uns selbst wissen, dass sie in der Bibel sind.“21 Ähnlich verkündete William W. Prescott (1855– 1944), dass Jesus durch den Geist der Weissagung eine unfehlbare Interpretation der Heiligen Schrift gegeben habe.22 Ab 1896 enthielt die Sabbatschullektion Aussagen aus Ellen Whites Schriften als Kommentare zu bestimmten biblischen Passagen. Interessanterweise war es Prescott, der die entsprechende Lektion verfasste.23 Da einflussreiche adventistische Autoren diesbezüglich den Ton angaben, übernahmen auch andere Leute die Praxis, Ellen Whites Schriften bei der Auslegung der Bibel zu verwenden.
Gegensätzliche Ansichten (1903–1920er)
Ellen Whites Rückkehr in die Vereinigten Staaten im Jahr 1900 brachte die amerikanischen Leiter der Gemeinde wieder in unmittelbaren Kontakt mit ihr und den Wirkungsweisen der göttlichen Inspiration in ihrer Erfahrung. Diese Wirkungsweisen widersprachen den Ansichten, die Alonzo Jones und John Harvey Kellogg (1852–1943) in Bezug auf ihre Inspiration vertraten. Daraufhin lehnten sie ihre göttliche Inspiration und ihren prophetischen Dienst gänzlich ab. Später nutzten einige die Annahme Ellen Whites als letztgültige Autorität in Fragen der Bibelauslegung als Prüfstein der Rechtgläubigkeit – sehr zum Verdruss jener, die während ihrer Jahre in Australien eng mit ihr zusammengearbeitet hatten, wie ihr Sohn William C. White (1854–1937) und Arthur G. Daniells (1858–1935).
Ab 1903 wurden die Beziehungen zwischen Kellogg und den Leitern der Gemeinde zunehmend angespannter. Dies trieb Jones näher zu Kellogg hin und weiter von Ellen White, Daniells und anderen weg. Jones vertrat zwar weiterhin die Verbalinspiration, doch bezweifelte schließlich die göttliche Inspiration Ellen Whites und behauptete, ihre Schriften „niemals an die Stelle der Bibel gesetzt zu haben“24. Aussagen aus den 1890er-Jahren belegen jedoch das Gegenteil. Die offene Ablehnung von Jones gegenüber Ellen White und seine Trennung von der Gemeinde riefen verständliche Befürchtungen hervor, wann immer jemand ähnliche Ideen zum Ausdruck brachte. Inzwischen war Prescott, der zuvor Jones’ Überzeugung geteilt hatte – Ellen Whites Schriften seien ein unfehlbarer Kommentar zur Heiligen Schrift –, zu dem Schluss gekommen, dass ihre Schriften nicht zur Beilegung exegetischer Diskussionen genutzt werden sollten.25 Wie er später erklärte, war er durch bestimmte Erfahrungen mit ihren Schriften – seine redaktionelle Tätigkeit im Rahmen ihrer Artikel für den Review and Herald und sein Mitwirken an historischen Fragen für die Bücher The Great Controversy (1911) und Prophets and Kings (1917) – zu dem Ergebnis gekommen, dass sie als Leitfaden oder Hinweise beim Studium dienen könnten, doch wäre es notwendig, „die volle Bedeutung [einer Textstelle] aus der Schrift zu entwickeln“. Die Schrift selbst sollte der zentrale Gegenstand der Betrachtung sein.26 Er war beeindruckt von Ellen Whites Führung in der frühen - Adventgemeinde und ihren umsichtigen Ratschlägen während der Kellogg-Krise – Umstände, die sein Vertrauen in „die Glaubwürdigkeit des Geistes der Weissagung“27 stärkten. Jedoch schien Prescotts Weigerung, Ellen White die Rolle einer letztgültigen Autorität in der Bibelauslegung zu gewähren, für manche die Haltung widerzuspiegeln, die Jones eingenommen hatte. Jeder, der ihr diese Autorität verweigerte, stand demnach in der Gefahr, mit dem Abfall von Alonzo T. Jones in Verbindung gebracht zu werden.
Der Streit über die Bedeutung von hatāmîd (das Tägliche, Beständige, Regelmäßige) in Daniel 8,11–13, der um das Jahr 1908 begann, legte die unterschiedlichen Einstellungen und Ansichten in Bezug auf die Verwendung der Schriften Ellen Whites bei der Bibelauslegung offen. Vertreter der traditionellen Sicht (hatāmîd bezieht sich auf das heidnische Rom) wie Stephen N. Haskell (1833–1922), John N. Loughborough (1832–1924), Judson S. Washburn (1863–1955) und andere meinten, Whites Aussagen in Early Writings28 unterstützten ihre Definition des Begriffes deutlich. Prescott, Daniells und andere vertraten wiederum eine neue Sichtweise (hatāmîd bezieht sich auf den himmlischen Vermittlungsdienst Christi). Sie berücksichtigten die Verwendung des Begriffes im Alten Testament und weigerten sich, die Schriften Whites als letzte Autorität in dieser Frage zu gebrauchen.29 Diejenigen, die an der traditionellen Sichtweise festhielten, interpretierten diese Weigerung, als eine klare Ablehnung ihrer göttlichen Inspiration und der Autorität ihrer Schriften.30 Ellen White selbst ermahnte Personen, die in den Streit involviert waren, wiederholt, ihre Schriften nicht mehr zu zitieren, da sie nichts über den zur Debatte stehenden Punkt gezeigt bekommen hatte.31 William C. White bemerkte abschließend, dass Gott sich wünsche, diese Angelegenheit eher durch „sorgfältiges Studium … der Bibel und der Geschichte“ als „durch eine Offenbarung“ zu klären.32 Die öffentlichen Diskussionen über das hatāmîd hörten schließlich auf, doch wurden die Meinungsverschiedenheiten, Vorurteile und Anschuldigungen im Privaten fortgeführt.
In den folgenden beiden Jahrzehnten brachten diejenigen, die an dem Konflikt beteiligt waren, weiterhin Überzeugungen zum Ausdruck, welche Rolle Ellen White in der Bibelauslegung spielen sollte. Haskell erklärte: „Ein lebender Prophet ist ein inspirierter Kommentar zu dem, was Gott bisher gesagt hat. Er entwickelt die Worte weiter, die vorher gesagt wurden, und wendet sie an.“33 „Der lebende Prophet wird daher eine unfehlbare Richtschnur zu korrekten Schlussfolgerungen über das, was der tote Prophet gesagt hat.“34 Da Ellen White eine „lebende Prophetin“ war, träfe diese interpretative Autorität insbesondere auf sie zu.35 Haskell dachte, Whites Weigerung, ihre Schriften der Heiligen Schrift gleichzustellen, resultierte aus der Angst, mit falschen Propheten in einen Topf geworfen zu werden. Für Siebenten-Tags-Adventisten hätten ihre Schriften dieselbe Autorität wie die biblischen Schriften, argumentierte er, doch wo sie ihre Überzeugungen mit Nichtadventisten teilen, sollten sie alles mit der Heiligen Schrift belegen.36 Ähnlich sah Washburn ihre Schriften als eine letzte, unfehlbare Auslegung der Heiligen Schrift; Auslegungen, die Aussagen von Ellen White scheinbar widersprachen, sollten missachtet und abgewiesen werden. Zu behaupten, ihre Schriften stünden nicht auf derselben Stufe wie die Bibel, da sie anhand der Schrift überprüft werden müssten, war seiner Meinung nach „schlichtweg die historisch-kritische Methode“37.
Während der Bibelkonferenz von 1919 machte Daniells einige bedeutende Anmerkungen zu diesem Thema. Er meinte, dass Ellen Whites Erklärungen biblischer Textstellen „verlässlich“ seien, obwohl es in einigen wenigen Fällen „Schwierigkeiten geben könnte“.38 Die Schrift sollte primär durch die Schrift ausgelegt werden.39 Zu behaupten, Whites Schriften wären „die einzige sichere Auslegung der Bibel“, wäre jedoch „eine falsche Lehre und falsche Auffassung“.40 Daniells lehnte die Sichtweise ab, dass ihre Schriften für die Adventisten so etwas wie „das einzige unfehlbare Orakel“ wären, wie Joseph Smith es für die Mormonen gewesen war.41 Prescott betonte, dass ihre Schriften kein Ersatz für ernsthaftes Bibelstudium sein sollten.42 Er schätzte deren geistlichen und praktischen Wert. Obwohl er glaubte, dass White in einigen Fragen der Bibelauslegung falschlag, missfiel ihm die Praxis derjenigen, die ihre Schriften öffentlich in einen Gegensatz zur Bibel stellten.43
In den 1920ern bemühten sich Francis M. Wilcox (1865–1951), William C. White und einige andere, den Graben zu überwinden, indem sie die Aufgabe und den Gültigkeitsbereich von Ellen Whites Schriften umrissen. William C. White hielt das Zitieren der Schriften seiner Mutter in Predigten nicht notwendigerweise für ein Problem. Wenn jedoch einige Leute der Meinung waren, es sei leichter, bestimmte Fragen einfach durch die Verwendung der Testimonies statt durch die Bibel zu klären, mahnte er, dass sie Ellen Whites Schriften über die Bibel stellten. Er sagte: „Diese Dinge haben meine Mutter bekümmert und sie hat unseren Pastoren oft geraten, zuerst die Bibel zu verwenden, wenn es um Lehrwahrheiten ging, die das Potenzial für entschiedene Reformen hatten, und erst danach die Zeugnisse zu lesen, als Zeugnis für dieselbe Wahrheit.“44 Wilcox betonte die Rolle der Heiligen Schrift als „die Grundlage des Glaubens und Handelns“45 und als „das große Testbuch oder den Maßstab für jede Behauptung in Lehre und Offenbarung“46. Somit sollten Ellen Whites Schriften anhand der Bibel geprüft werden, und da sie im Einklang mit der Bibel waren und diese als „die eine Norm des Glaubens“ erhöhten, sollten sie als von Gott gegeben akzeptiert werden.47 Im Hinblick auf Ellen Whites eigene Meinung zur Rolle und Aufgabe ihrer Schriften betonte Wilcox, dass sie „in keiner Weise … die Stelle der Bibel einnehmen sollten“48, keine „Ergänzung zum biblischen Kanon“49 wären oder „auf einer Stufe mit der Bibel“ stünden.50 Anstatt ihre Schriften als letztgültige Autorität bei der Bibelauslegung zu sehen, stellte er sie als „einen geistlichen Kommentar“ zur Bibel und zum Erlösungsplan dar, weil sie dabei halfen, die „großen Prinzipien“ der Bibel zu erfassen. Sie boten Gläubigen für ihr Leben praktische geistliche Orientierung.51 Einige Historiker halten Wilcox für „die Personifizierung des Adventismus“ und für den „großen Mediator“ der 1920er-Jahre, da er versuchte, Standpunkte zu formulieren, die von allen Parteien innerhalb der Gemeinde akzeptiert werden konnten.52 Seine langjährige redaktionelle Tätigkeit für den Review and Herald (1909–1944) hatte einen enormen Einfluss auf die Gemeinde. Doch auch ihm gelang es nicht, die Kluft zwischen den unterschiedlichen Positionen zur Rolle und Funktion der Schriften Ellen Whites bei der Bibelauslegung zu überbrücken. Auch danach setzten sich die Spannungen innerhalb der Gemeinschaft fort.
Zusammenfassung
Zu Beginn vertraten Siebenten-Tags-Adventisten allgemein den Standpunkt, dass die Heilige Schrift sich selbst auslegt und Ellen Whites Schriften nützliche geistliche Ratschläge sowie inspirierte Erkenntnisse enthielten. In den 1890er-Jahren führten einige leitende Prediger die Idee ein, Jesus hätte die Visionen und Schriften von Ellen White gegeben, um als letztgültige unfehlbare Auslegerin der Heiligen Schrift zu fungieren. Beide Sichtweisen existierten nebeneinander und konkurrierten miteinander. Einige sahen in der Erhöhung von Ellen Whites Schriften an die Stelle eines unfehlbaren Kommentars praktisch gesehen eine Aufgabe des Sola- Scriptura-Prinzips. Andere meinten, die Weigerung, ihren Schriften diese Rolle zuzuschreiben, sei eine praktische Leugnung ihrer göttlichen Inspiration und Autorität. Innergemeindliche theologische Auseinandersetzungen führten zu einer Überempfindlichkeit; man hütete sich davor, Ellen White entweder zu viel oder zu wenig Autorität zuzuschreiben. Die Folge war eine Kluft in Fragen der Bibelauslegung, die in der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten bis heute nicht überwunden ist.
Ansätze einer ganzheitlichen Sichtweise
Die verschiedenen Auffassungen zur Rolle von Ellen Whites Schriften bei der Bibelauslegung deuten auf unterschiedliche Grundannahmen hin: Welches Verhältnis besteht zwischen kanonischer und postkanonischer Offenbarung und welche Funktion haben diese jeweils? Dessen ungeachtet scheint eine weitverbreitete Annahme vorzuherrschen, nämlich die unabsichtliche Idee, dass die endgültige Bedeutung eines Textes entweder durch oberflächliches Lesen oder aus dem Kommentar eines inspirierten Autors abgeleitet werden könne. Diese Annahme scheint die folgenden Wirklichkeiten nicht einzubeziehen:
Der biblische Text enthält (göttliche) Gedanken von ewiger Tiefe, deren Bedeutung wahrscheinlich tiefer liegt, als sich durch oberflächliches Lesen erschließen lässt.
Der Text mag unterschiedliche Nuancen und Aspekte enthalten, die nur durch ein tiefgründiges Studium sichtbar werden.
Ellen White verwendete verschiedene biblische Abschnitte auf unterschiedliche Art und Weise:
Theologen fanden in ihren Schriften unter anderem exegetische, theologische, typologische und parenthetische Verwendungsweisen der Heiligen Schrift.53
In ihren Bemühungen, Menschen zu unterweisen, zu ermahnen und zu ermutigen, wandte Ellen White gelegentlich biblische Prinzipien auf bestimmte Umstände an, ohne dadurch eine universelle Regel für jede Situation festlegen zu wollen.
In ihrem Leben verwendete sie bestimmte Textstellen zum Teil auf unterschiedliche Weise.
In anderen Fällen verband sie scheinbar gegensätzliche Auslegungen miteinander (bspw. das Gesetz im Galaterbrief).
Ferner gibt es viele Bibelstellen, die sie nie verwendete und folglich unerklärt ließ.
Adventisten glauben, dass göttliche Offenbarung uns Wahrheit vermittelt, doch Offenbarung ist offensichtlich auch fortschreitend und unvollständig, da sie nie alles zeigt, was es zu wissen gibt. Demnach könnte Ellen White etwas zu einem bestimmten Aspekt in einer entsprechenden Textstelle geschrieben haben, ohne dabei die komplette Fülle der Bedeutung ausgeschöpft zu haben. Wir können die segensreichen Einsichten und geistlichen Wahrheiten wertschätzen, die ihre Kommentare zur Bibel bieten, ohne die Bedeutung der Heiligen Schrift und das Entdecken der biblischen Wahrheit dadurch einzuschränken, dass wir sie zum letzten Wort und damit faktisch zu einem Teil des biblischen Kanons machen. Wir sollten uns überlegen, wie wir ihre Schriften in unseren Predigten und unseren Forschungsarbeiten verwenden. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, wir läsen die Heilige Schrift nur durch die Brille ihrer Schriften. Andererseits sollten wir sie auch nicht geringschätzen oder quasi ignorieren. Wenn wir das Dilemma des angemessenen Umgangs mit Ellen Whites Schriften auf diese Weise lösen, erlauben wir Bibellesern, ihre Kommentare wertzuschätzen, den Reichtum der Bibel für sich selbst zu entdecken und sich ständig nach Wachstum im Verständnis der tiefen Dinge Gottes zu sehnen.
Dieser Artikel basiert auf Forschungsergebnissen aus der folgenden Arbeit des Autors: Denis Kaiser, „Trust and Doubt: Perceptions of Devine Inspiration in Seventh-day Adventist History (1888–1930)“, Doktorarbeit, Andrews University, 2016. Erstmals veröffentlicht in: Reflections, Nr. 60, Oktober 2017, Biblical Research Institute; online verfügbar unter www.adventistbiblicalresearch.org/newsletters (letzter Zugriff: 16.7.2018).
Back to referenceDenis Kaiser ist Assistenzprofessor für Kirchengeschichte an der Andrews University und arbeitet als Redakteur an Ellen Whites Briefen und Manuskripten für das Ellen G. White Estate. Er ist verheiratet und lebt in Berrien Springs, Michigan.
Back to referenceDiese Redewendung taucht im 19. Jahrhundert immer wieder sowohl in adventistischen als auch in protestantischen Veröffentlichungen auf.
Back to referenceSiehe z. B. Roy Graham, Ellen G. White: Co-Founder of the Seventh-day Adventist Church, American University Series, Reihe 7, Theology and Religion, Bd. 12, New York 1985, S. 45–46; Zoltán Szallós-Farkas, The Rise and Development of Seventh- day Adventist Spirituality: The Impact of the Charismatic Guidance of Ellen G. White, Doctoral Dissertation Series, Bd. 1, Cernica 2005, S. 64–68, 71–83.
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Back to referenceJoseph Bates, J. H. Waggoner und M. E. Cornell, „Address of the Conference As- sembled at Battle Creek, Mich., Nov. 16th, 1855“, in: Review and Herald, 4. Dezember 1855, S. 79.
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Back to referenceF. M. Wilcox an L. E. Froom, 5. August 1928, General Conference Archives; F.M. Wilcox, „The Editor’s Mail Bag“, in: Review and Herald, 19. Januar 1922, S. 5; F. M. Wilcox, „The Spirit of Prophecy in the Remnant Church [No. 2]: The Work and Writings of Mrs. E. G. White“, in: Review and Herald, 23. August 1928, S. 9.
Back to referenceF. M. Wilcox, „The Study of the Bible: Aided by the Writings of the Spirit of Prophecy“, in: Review and Herald, 3. Februar 1921, S. 2.
Back to referenceF. M. Wilcox, „The Spirit of Prophecy in the Remnant Church [No. 7]“, S. 17; F. M. Wilcox, „The Testimony of Jesus [No. 9]: Not an Addition to the Bi- ble“, in: Review and Herald, 7. September 1933, S. 5–6.
Back to referenceF. M. Wilcox an L. E. Froom, 5. August 1928.
Back to referenceF. M. Wilcox, „The Study of the Bible“, Teil 2, S. 6.
Back to referenceL. E. Froom, Movement of Destiny, Washington D.C. 1971, S. 417–418; Jeffrey A. Gang, „F. M. Wilcox and the Spirit of Prophecy: A Study of His Teaching Con- cerning the Authority and Role of Ellen White and the Spirit of Prophecy from 1915 to 1930“, wissenschaftliche Arbeit, Andrews University 1994, S. 20.
Back to referenceJon Paulien, „The Interpreter’s Use of the Writings of Ellen G. White“, in: Daniel General Studies, Bd. 2, Frank Holbrook (Hg.), Silver Spring, Maryland 1992, S. 163–174; siehe auch Gerhard Pfandl, „Ellen G. White and Hermeneutics“, in: Bib- lical Research Institute Studies, Bd. 1, Understanding Scripture: An Adventist Ap- proach, George W. Reid (Hg.), Silver Spring, Maryland 2006, S. 309–328; Frank Hasel, „Ellen G. White’s Use of Scripture“, in: The Gift of Prophecy in Scripture and History, Alberto Timm und Dwain Esmond (Hg.), Silver Spring, Maryland 2015, S. 297–315.
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