
Clinton Wahlen, PhD
Associate Director, Biblical Research Institute
Das Matthäusevangelium steht am Anfang des neutestamentlichen Kanons. Diese herausragende Platzierung ist kein bloßer historischer Zufall, sondern unterstreicht eher seine grundlegende Bedeutung für Christen. Ebenso wie das erste Buch Mose (die Genesis) uns unserem Gott und Schöpfer aller Dinge vorstellt, so stellt dieses Evangelium uns Jesus Christus als den “Gott mit uns”, unseren Erlöser und Herrn aller Dinge, vor. Tatsächlich könnten die ersten beiden Wörter von Matthäus (biblos geneseōs) als “das Buch der Genesis” übersetzt werden und dazu gedacht sein, die Aufmerksamkeit der Leser auf Jesus als einen Neubeginn und die vielen Verbindungen zu lenken, die zwischen diesen beiden biblischen Büchern bestehen.
Anders als die Briefe, die klar den Verfasser nennen —wie es damals beim Schreiben von Briefen üblich war—gibt keins der kanonischen Evangelien seinen Verfasser an; vielmehr deuten sie nur an, wer es geschrieben hat. Die möglichen Gründe für diese scheinbare Anonymität sind verständlich. Schließlich berichten die Evangelien von Jesus; dabei geht es um wichtige Ereignisse im Leben Jesu und seine Lehren—nicht darum, was die Verfasser erlebt und gelehrt haben. Darüber hinaus gehört dieser Schatz, den “irdene Gefäße” weitergegeben haben, allen Christen, weil er ihnen von Gott offenbart worden ist. Als solcher ist er keines Menschen intellektuelles Eigentum, sondern er ist ein Zeugnis, das jedem Gläubigen übergeben worden ist, auf dass er ihn mit anderen teile.
Das Matthäusevangelium hat seinen Namen von dem Steuereinnehmer, der nur in diesem Evangelium als derselbe Jünger angegeben wird, den Jesus dazu erwählte, dass er zu den zwölf Aposteln gehören solle (Matth. 9,9; 10,3; vgl. Mark. 3,18; Luk. 6,15). Andere Evangelien nennen ihn “Levi” (Mark. 2,14; Luk. 5,27). Darum wird er manchmal als “Levi Matthäus” bezeichnet.
Struktur des Kapitels
Der erste Teil von Matthäus 1 weist den Leser auf Jesus als den Mittelpunkt des Buches hin. Dies geschieht durch eine hebräische Konstruktion, die als Chiasmus bekannt ist, bei dem die zweite Hälfte der Aussagen die erste Hälfte widerspiegelt, aber in umgekehrter Reihenfolge1:
1,1
A Christus
B Sohn Davids
C Sohn Abrahams
1,2–17
C ‘ Abraham zeugte . . . (V. 2)
B ‘ David, der König, zeugte . . . (V. 6)
A ‘ Christus (Verse 16.17)
Der übrige Teil von Matthäus 1 berichtet detailliert von der Geburt Jesu als dem verheißenen Messias in Erfüllung der biblischen Prophetie (Verse 18–25).
Interpretation des Kapitels
I. Vers 1.
Wie die oben aufgezeigte Struktur des Kapitels aufzeigt, sollte man unter “Christus” mehr verstehen als lediglich einen zweiten Namen zur weiteren Identifizierung Jesu. In Vers 16 wird der Name noch einmal erwähnt; hier wird Jesus als “der Christus” (rev. Elberf. Bibel), der “Gesalbte” bzw. der Messias bezeichnet. Bei seiner Taufe wurde Jesus durch den Heiligen Geist für sein messianisches Wirken gesalbt (Matth. 3,16; Apg. 10,38).
Der Sohn Davids. Jesus erfüllt die Prophezeiungen des Alten Testamentes, die besagen, dass der verheißene “Nachkomme” ein König in der Abstammungslinie Davids sein würde (z. B. Jes. 9,6–7; 11,1–2; Jer. 23,5–6) — bei seinem ersten Kommen wegen seines Leidens und Sterbens mit einer Dornenkrone (Matth. 27,27–29) und bei seinem zweiten Kommen als König aller Könige mit einer Krone der Herrlichkeit (Hebr. 2,9; Offb. 14,14; 19,11–13).
Der Sohn Abrahams. Als Nachkomme Abrahams war Jesus ein Hebräer (vgl. 1. Mose 14,13) und konnte somit die Verheißung erfüllen, dass durch Abrahams “Geschlecht” alle Völker der Erde gesegnet werden würden (1. Mose 22,18; Apg. 3,24–26).
II. Verse 2–17
Bedeutung der biblischen Stammbäume. Heutige Leser könnten versucht sein, über die Stammbäume, die den größten Teil des Kapitels ausmachen, hinwegzugehen. Doch, wie viele Bibelleser entdeckt haben, liegen direkt unter der Oberfläche solcher scheinbar ”wüstenhaften” Bibelabschnitte wertvolle Juwelen. Seit der Zusage Gottes, dass der “Nachkomme” Evas der Schlange den Kopf zertreten und dadurch die Menschheit vom Fall erretten würde (1. Mose 3,15), hat Gottes Volk sehnsüchtig auf die Erfüllung der Verheißung gewartet. Darum sind die Stammbäume in 1. Mose 5 und 11 und an anderen Stellen der Bibel so wichtig—sie bewahren den historischen Bericht, durch den die Erfüllung der Verheißung aufgespürt werden kann.
Unterbrechungen im Stammbaummuster “A zeugte B.” Diese ziehen unsere Aufmerksamkeit auf wichtige Komponenten bei den Vorfahren Jesu.
Verse 2, “Juda und seine Brüder.” Dieser Ausdruck bezieht sich auf das Volk Israel, das von Jakobs zwölf Söhnen abstammte, und noch spezieller auf Juda, durch dessen Nachkommen das “Zepter” bzw. das Reich Israel begründet werden sollte (1. Mose 49,10).
Die menschliche Abstammung Jesu. Indem Matthäus mehrmals Bezug auf Frauen nimmt (sie werden normalerweise in Stammbäumen nicht erwähnt), scheint er auch darauf zu verweisen, dass Jesu Vorfahren menschlicherseits keineswegs besser oder reiner waren als die, zu deren Rettung er gekommen war.
Vers 3, “mit der Tamar.” Als Juda sich weigerte, Tamar seinen überlebenden Sohn zur Leviratsehe (Schwagerehe) zu geben (eine Praxis, die später in 5. Mose 25,5–10 gesetzlich geregelt war), trickste sie ihren Schwiegervater aus, worauf es zur sexuellen Beziehung mit ihm kam (1. Mose 38). Durch die Zwillinge, die sie zur Welt brachte, blieb die Königslinie Judas erhalten.
Vers 5
“. . . mit der Rahab.” Obwohl sie keine Israelitin und genau genommen eine Prostituierte war, spielte Rahab dadurch eine wichtige Rolle, dass sie die Kundschafter rettete, die Josua nach Jericho gesandt hatte, und dass sie ihren Glauben an den Gott Israels zum Ausdruck brachte und dementsprechend handelte (Josua 2).
“. . . mit der Rut.” Wie Rahab war auch Rut eine Ausländerin, die ihren Glauben an den Gott Israels bekundete (Rut 1,16; 2,12). Wie es durch Tamar geschah, bewahrte sie mit ihren Aktionen den königlichen Nachkommen und wurde die Großmutter Davids (Rut 4,21–22).
Vers 6, “mit der Frau des Uria.” Anscheinend wird Bathseba wegen ihrer Affaire mit David nicht namentlich genannt (im Gegensatz zu den vorigen drei Frauen). Das Gesetz verlangte, dass die schuldigen Partner sterben sollten (3. Mose 20,10; 5. Mose 22,22). Doch angesichts der Reue Davids vergab Gott diese Sünde und Bathseba war es, die Salomo zur Welt brachte.
Vers 11, “Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft.” Dieser Vers berichtet davon, dass Davids Herrschaft wegen des ständigen Ungehorsams Israels und der Auflehnung gegen sein Wort zu Ende ging (vgl. 2. Chr. 36,1–21; Jer. 22,30). Die Königslinie sollte durch eine andere Linie – die von Schealtiël – bis hin zu Jesus fortgesetzt werden.
Verse 16 u.17. Jesu Geburt war ungewöhnlich, da er biologisch nicht Josefs Sohn war, sondern nur der Sohn Marias (vgl. Luk. 1,35; 3,23). Jesus wurde nicht “durch Hurerei geboren” (rev. Elberf. Bibel) wie die Juden in Johannes 8,41 unterstellen, sondern er wurde durch ein vom Heiligen Geist gewirktes Wunder empfangen. Die vierzehn Generationen von Abraham bis David (identisch in Lukas 3,31–34 berichtet) werden als zusammenfassendes Modell der Königslinie von David bis zur babylonischen Gefangenschaft und von der Gefangenschaft bis zur Geburt Jesu genommen (ohne umfassend zu sein).
III. Verse 18–21.
Während Lukas die Geburt Jesu anscheinend aus Marias Perspektive wiedergibt, richtet Matthäus seine Aufmerksamkeit vor allem auf Josef. Verlobungen waren in jüdischen Kreisen ebenso verbindlich wie Verheiratungen. Marias Schwangerschaft stellt Josef also vor ein echtes Problem, das nur durch eine himmlische Offenbarung in einem Traum gelöst werden kann. Er wird aufgefordert, Maria zu seiner Frau zu machen, das Kind als seinen legitimen Sohn anzunehmen und ihm den Namen Jesus zu geben; der Name bedeutet “Jahwe ist Rettung”, denn “er wird sein Volk retten von ihren Sünden”.
IV. Verse 22–25.
Josef gehorcht der Aufforderung des Engels. Matthäus fasst die Geburt Jesu als Erfüllung von Jesaja 7,14 auf, dem ersten von zwölf Zitaten aus dem Alten Testament. Er will aufzeigen, dass die Worte sich in Jesus erfüllt haben (die anderen sind Matth. 2,6. 15. 18. 23; 4,15.16; 8,17; 12,18–21; 13,14.15; 13,35; 21,5; 27,9.10). Die mysteriöse Immanuel-Gestalt bei Jesaja (Jes. 7,14; 8,8) wird hier in Jesus konkret. Beide, Matthäus und Lukas, betonen, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde (Matth. 1,23; Luk. 1,34). Damit erfüllt die Geburt Jesu insofern ganz buchstäblich die Erwartung des “Gott mit uns”, dass er nicht nur eine menschliche Seite hat (durch Maria), sondern auch eine göttliche (weil er durch den Heiligen Geist empfangen worden ist).
Anwendung des Kapitels
Aus diesem Kapitel lassen sich viele Lehren ziehen. Zu den wichtigsten gehören: 1) Gott hat die Geschichte im Griff. Er wird zur rechten Zeit geschehen lassen, was er vorhat, ebenso wie er Jesus geboren werden ließ, “als … die Zeit erfüllt war” (Gal 4,4; vgl. Röm. 5,6). 2) Alle Teile der Bibel sind nützlich zum Studium—sogar Abschnitte, die oberflächlich betrachtet, für uns wenig relevant sind. 3) Jesus versteht uns und kann uns helfen—weil er Gott ist, der alles weiß und kann, weil er, ebenso wie wir, menschliche Vorfahren hat, von der Krippe bis zum Kreuz versucht worden ist und über Sünde und Tod gesiegt hat. Diese göttlich-menschliche Abstammung qualifiziert ihn auf einzigartige Weise dafür, der Eine zu sein, der uns von unseren Sünden erlösen kann. 4) Selbst klare Gebote Gottes, die menschlich gesehen schwierig oder sogar peinlich sind, wenn sie erfüllt werden sollen —wie es bei Josef der Fall war, als er Maria zur Frau nehmen sollte, obwohl sie schwanger war, aber nicht von ihm—können wir befolgen, weil wir gewiss sind, dass Gott sich um alles kümmert, was daraus folgt.
Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Bibelzitate aus der Lutherbibel aus dem Jahr 1987.
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